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Offener Brief eines Feuerwehrmanns zu dem Unglück mit vier toten Kindern in Saarbrücken

Saarbrücken | am 27.08.2012

 

 

Die Feuerwehrmänner aus Saarbrücken sahen sich am Wochenende mit schweren Vorwürfen konfrontiert, nachdem am Freitag bei einem Brand vier Kinder ums Leben gekommen waren. Die Eltern der Kinder behaupten die Feuerwehr soll auf Hinweise der Mutter, dass sich noch Kinder im Haus befänden, nicht eingegangen sein. retter.tv hat darüber berichtet.  Ein Feuerwehrmann hat sich nun in einem offenen Brief zu dem Unglück in Saarbrücken an die Betroffenen gewandt.

Symbolbild Feuerwehrauto

 

Offener Brief an die Eltern der verstorbenen Kinder sowie deren Verwandten, Anwälte und Freunde.

Es tut mir leid. Es tut mir wirklich ausgesprochen leid. Wie ich diese Zeilen schreibe, muss ich mit den Tränen kämpfen bei dem Gedanken, ich würde meine Kinder durch einen Unfall verlieren. Ich weiß nicht, ob ich aus dem schwarzen Loch mit intakter Seele und Geist wieder herauskommen würde. Aus tiefstem Herzen wünsche ich Ihnen viele gute Freunde, eine festen Glauben und eine tiefe Liebe zueinander und ihrem jüngsten Kind gegenüber, um diese Situation zu überleben und weiterleben zu können.

Ich muss aber auch an die Feuerwehrleute denken, die in dieser Nacht vermutlich einer der schlimmsten Einsätze ihrer Dienstzeit erlebt haben. Die Sie über eine Leiter gerettet haben. Die, schwer bepackt und mit wilder Entschlossenheit das Treppenhaus hochgerannt sind und versucht haben, die Flammen zurück zu drängen, um in die brennende Wohnung zu gelangen und damit vielleicht doch noch an Ihre Kinder zu kommen. An die Sanitäter und Notärzte, die um das Leben Ihrer Kinder gekämpft haben, als wären es ihre eigenen. An die Familienväter unter den Einsatzkräften, die die traurige Pflicht hatten, die Körper aus den verbrannten Räumen zu holen und dem Bestatter zu übergeben. An diejenigen, die morgens zu ihrer Familie zurückgekehrt sind und sich nicht getraut haben, zu erzählen, was sie gesehen haben. Und die jetzt, aufgrund Ihrer Vorwürfe auch noch mit dem Makel behaftet sind, nicht alles getan zu haben, was möglich ist. Es wird Feuerwehrleute geben, die daran innerlich zerbrechen.

Feuerwehrleute sind keine Heiligen oder Supermänner sondern Menschen. Auch bei ihnen gibt es Fehler, gibt es Aussetzer und Nachlässigkeiten. Aber Sie können sich absolut sicher sein, dass sie alles was möglich war und auch mehr als das in dieser Nacht geleistet haben. Warum? Weil, egal aus welchem Beweggrund man sich in der Feuerwehr engagiert, wie lange man dabei ist oder ob man dafür bezahlt wird oder nicht: Wir alle bereiten uns ein Leben lang darauf vor, Menschen aus einem Feuer zu retten, ihnen den qualvollen Tod durch Verbrennen oder Ersticken zu ersparen. Wir leben damit, dass es solche Situationen geben wird und dass dann die Betroffenen auf unsere Hilfe angewiesen sind, dass wir ihre letzte Chance sind. Wir müssen dafür bereit sein, jederzeit und überall. Dies ist unsere Pflicht und Selbstverständnis, dies unsere edelste und ehrenhafteste Aufgabe. Diese Tradition trägt uns durch Hohn und Spott, ungerechtfertigte Kritik und Arroganz, mit der die Feuerwehr oft bedacht wird. Es motiviert viele von uns, fast alles zu ertragen, was wir erleben müssen. Ohne dies wären wir nichts als seelenlose Feuerlöschroboter…

Daher bitte ich Sie inständig, bei allem Mitgefühl für Ihren Schmerz: Sprechen Sie mit den Menschen, die in dieser Nacht ihr Leben und ihre Gesundheit für Ihr Leben eingesetzt haben. Menschen, die Sie nicht kannten und die sich trotzdem in die Waagschale geworfen haben. Menschen, mit denen Sie jetzt ein dunkles Kapitel ihres Lebens teilen. Menschen, die auch Zuspruch brauchen, den sie sich vielleicht sogar gegenseitig geben können.

Seien sie menschlich, wir sind es auch!!

Ein Feuerwehrmann

Bild: retter.tv Archivbild

 

 

 

Gedanken eines Feuerwehrmannes:

Oft wird die Arbeit der Feuerwehr unterschätzt.

Das liegt aber ganz gewiss auch an der Tatsache, dass "normale" Bürger von den Tätigkeiten der Feuerwehr keine Ahnung haben.

Diese Wünsche des Feuerwehrmannes sind schreckliche Realität und haben nichts mit Übertreibung zu tun.

Darüber sollten Sie als Bürger einmal nachdenken, wenn sie wieder einmal in der Zeitung lesen:

"Gestern kam es auf der A21 wieder zu einem schweren Verkehrsunfall. Im Einsatz war die Feuerwehr..."

 

Ich wünschte,...

 

Ich wünschte, du könntest den Kummer des Geschäftsmannes sehen, als sein Lebenswerk in Flammen aufging oder die Familie, die nach Hause kam, nur um ihr Haus und ihre Habseligkeiten beschädigt oder sogar zerstört vorzufinden.

Ich wünschte, du könntest fühlen, wie es ist, ein brennendes Schlafzimmer nach eingeschlossenen Kindern abzusuchen; die Flammen schlagen über deinen Kopf hinweg, während des Kriechens schmerzen deine Handflächen und Knie, der Fußboden gibt unter deinem Gewicht nach, wenn die Küche unter dir zu brennen anfängt.

Ich wünschte, du könntest die Furcht in den Augen einer Ehefrau um 3 Uhr morgens sehen, wenn ich ihrem 40 Jahre altem Ehemann den Puls fühle und keinen finde, ich beginne mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung, hoffe wider besseres Wissen ihn zurückzuholen, aber ich weiß, dass es zu spät ist. Aber seiner Frau und seiner Familie muss ich das Gefühl geben, dass alles Mögliche getan wurde.

Ich wünschte, du könntest den unvergleichlichen Geruch von brennenden Isolierungen, den Geschmack von Ruß auf deinen Schleimhäuten, das Gefühl der intensiven Hitze, die durch deine Ausrüstung dringt, das Geräusch der lodernden Flammen und die Beklemmung absolut nichts durch diesen dichten Rauch zu sehen, nachempfinden -

- "Sensationen, an die ich mich zu sehr gewöhnt habe, mit denen ich zu sehr vertraut geworden bin."

 

Ich wünschte, du könntest verstehen, wie es ist, am Morgen zur Schule oder zur Arbeit zu gehen, nachdem du den Großteil der Nacht, heiß und wieder nass durchgeschwitzt, bei einem Großfeuer verbracht hast.

Ich wünschte, du könntest meine Gedanken lesen, wenn ich zu einem entstehenden Feuer gerufen werde, "Ist es ein falscher Alarm oder ein fortgeschrittenes, atmendes Feuer? Wie ist das Gebäude konstruiert? Welche Gefahren erwarten mich? Sind Menschen eingeschlossen?"

Ich wünschte, du könntest in der Notaufnahme dabei sein, wenn der Arzt das hübsche 5 Jahre alte Mädchen für tot erklärt, nachdem ich es zuvor 25 Minuten lang versucht habe am Leben zu halten; sie wird nie zu ihrem ersten Date gehen können oder jemals wieder die Worte "Ich liebe dich, Mama" sagen können.

Ich wünschte, du könntest die Frustration im Führerhaus des Löschfahrzeuges fühlen, der Maschinist drückt seinen Fuß fest auf die Bremse, mein Daumen drückt wieder und wieder den Schalter des Presslufthorns, wenn du dir vergeblich versuchst Vorfahrt an einer vorfahrtberechtigten Kreuzung zu verschaffen oder im dichten Verkehrsstau.

Wenn du uns brauchst, wann auch immer es ist, deine ersten Worte nach unserem Eintreffen werden sein: "Es hat fast eine Ewigkeit gedauert bis ihr hier wart!"

Ich wünschte, du könntest meine Gedanken lesen, wenn ich helfe, eine junge Frau aus den zertrümmerten Resten ihres Wagens zu ziehen, "Was wäre, wenn es meine Schwester, meine Freundin oder eine Bekannte ist? Wie werden ihre Eltern reagieren, wenn vor ihrer Tür ein Polizist steht, der seine Mütze in den Händen hält?"

Ich wünschte, du könntest wissen, wies es sich anfühlt nach Hause zu kommen, meine Eltern und Familie zu begrüßen, aber nicht das Herz zu haben ihnen zu erzählen, dass ich beinahe von meinem letzten Einsatz nicht zurückgekommen wäre.

Ich wünschte, du könntest die physische, emotionale und mentale Belastung von stehen gelassenem Essen, verlorenem Schlaf und verpasster Freizeit vorstellen, zusammen mit all den Tragödien, die meine Augen gesehen haben.

Ich wünschte, du könntest verstehen, wie es ist, einen kleinen Jungen auf deinem Arm zu tragen, der fragt, "Ist meine Mama O.K.?", und es ist dir unmöglich, ihm in die Augen zu schauen, ohne dass dir die Tränen in die Augen steigen und weißt nicht, was du sagen sollst.

Oder wie es ist, einen alten Freund zurückzuhalten, der mit ansehen muss, wie sein bester Kumpel in den Rettungswagen getragen wird, und du weißt genau, dass er nicht angeschnallt war.

Ich wünschte, du könntest die Kameradschaft und die Befriedigung, Leben gerettet oder jemandes Eigentum geschützt zu haben, erfahren, da zu sein zur richtigen Zeit am richtigen Ort, in der Gefahr oder aus der Hektik und dem Chaos heraus Ordnung zu schaffen.

Solange du dieses Leben nicht durchgemacht hast, wirst du niemals wirklich verstehen oder einschätzen können, wer ich bin, was wir sind oder was unsere Arbeit wirklich bedeutet.

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(Übernommen aus dem Englischen, Verfasser unbekannt.)
Der Text wurde unverändert aus der Zeitschrift "FLORIAN HESSEN" 1/1999, Seite 20, übernommen.

 

 

 

 

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